Sozialistische Weihnachten

Ich bin im Sozialismus geboren. In diesen Tagen, in denen man hier Weihnachten feiert, feierten wir den Tag der Armee. Das war kein besonders spiritueller Feiertag. Man könnte eher sagen: ein nahrhafter. Im Radio ertönte Militärmusik, und vom Tisch aus verkündeten russischer Salat, Braten und Baklawa unsere Verbundenheit mit der glorreichen Jugoslawischen Armee.
Etwas später kam der Krieg, und die glorreiche Jugoslawische Armee spielte dabei eine etwas ruhmlose Rolle. Somit war der Tag der Armee weg vom Fenster. Wir mussten ihn mit etwas anderem ersetzen. Und so kamen wir auf Weihnachten.
Dies war keineswegs ein leichter Sprung, setzte er doch voraus, dass es einen Gott überhaupt gibt. Das war aber dialektisch-materialistisch nicht nachzuweisen. Und wenn es ihn doch gab, so wussten wir so gut wie gar nichts von ihm. Die einzigen die etwas darüber zu wissen schienen, (meine Oma und die Nachbarin vom ersten Stock) verwiesen unisono auf die Bibel.
Ich wurde echt neugierig und lies die Bibel dann durch, aber ich fand sie an manchen Stellen etwas verwirrend und was noch schwerer wiegt, sie wurde vom Fans geschrieben. Und Fans sind selten objektiv.
Andererseits fand ich die Weihnachtsgeschichte so kraftvoll, eine grandiose Idee: „…Gott hat sich klein gemacht…“ Genial!
Von wem könnte diese Idee kommen? Vom Menschen? Vom Gott selbst? Wie viel Weisheit in der Einsicht, wir Menschen mit unserer Eitelkeit und unserem Drang nach Freiheit ( die wir leider allzu oft mit der Willkür verwechseln) dass eben wir, eitle, unsichere, schutzbedürftige und hilfeablehnende Menschen einen Gott erst dann akzeptieren und wirklich lieb gewinnen können, wenn er eine Erscheinungsform wählt die selbst klein, menschlich und unendlich schutzbedürftig also UNSERBEDÜRFTIG ist.
Aber wie sieht es historisch gesehen mit Weihnachtsfeier aus? War von Anfang an klar, was man da am 25. Dezember feiert. Und seit wann feiert man es? Die Antwort scheint klar: nun, seit Christi Geburt. Denkste!
Erst im vierten Jahrhundert findet sich in einem Martyrerverzeichnis einen Abschnitt über eine Weihnachtsfeier und in den Katakomben vom heiligen Sebastian fand man eine Freske des Jesu-Baby, nach ägyptischer Art gekleidet und mit einem Heiligenschein um das Köpflein, zusammen mit Josef und Maria.
Bis zu diesem Zeitpunkt herrschte ziemliches durcheinander.
Der 25. Dezember wurde übernommen, weil es die Wintersonnenwende ist, der alterwürdige Römische dies natalis Solis Invicti – Geburt der unbesiegbaren Sonne. Und im III Jahrhundert integrierte der Imperator Hegiogabalus diese Feierlichkeiten in das Fest zur Geburt des Sonnengottes Mythra. Der Unterschied zwischen Mythra und Jesus war nicht allen klar. Der berühmte Kirchenvater und Schriftsteller Tertulian aus dem III Jahrhundert war empört:“ Es ist der Teufel selbst der den Heiden zuredet, sie sollen während ihren Götzendiensten uns nachahmen. Er befehlt Ihnen, römischen Soldaten den Kreuz auf die Stirn aufzumalen.
Ein anonymer syrischer Autor aus der gleicher Zeit antwortet schlicht und ehrlich in einem Brief: „…nachdem kirchliche Führer bemerkt haben, dass das Volk den 25. 12. bereits als Geburt des eines Gottes feiern, entschieden sie sich den gleichen Tag unserem Gott zu widmen….“ Es ist wahrscheinlich das erste aber keinesfalls das letze Mal, dass heidnische Feiertage mit eigenen Festen und Inhalten besetzten wurden.
Der Sinn des Festes wurde einfach verlagert.
Über Jahrhunderte hinaus hat sich der Brauch dann verbreitet. Aber auch noch in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts mahnt der Heilige Augustin Christen, den 25. 12. nicht zum Ruhm der Sonne zu feiern, sondern zum Ruhme dessen der die Sonne erschaffen hat.
Danach ging es eine Zeit lang gut, etwa bis die Reformation kam. Die frühen puristischen Protestanten missbilligten alle Freudebekündungen wie auch alles schnörkelhafte, üppige, opulente, kunstvolle…Einige von ihnen (Johannes Calvin, zum Beispiel) versuchten Weihnachten sogar abzuschaffen. Aber dieser Feiertag war bereits zu verwurzelt in der Volksseele.
Auch in der späterer Geschichte war Weihnachten keine Ruhe gegönnt: in der Nazizeit versuchte man Weihnachten in die Tradition des germanischen Juleifestes zu stellen.
Zur Zeit als ich in die Schweiz kam, war ich eben so weit dass ich nicht selber wusste was ich glauben sollte, und je mehr Fachbücher ich zu diesem Thema las, desto unbestimmter wurde meine Position. Dann wurde ich in der Schweiz konfrontiert mit der Praxis der Weihnachten. Ich fand die Feierlichkeiten lieblich und rührend, aber zuweilen auch etwas kitschig und kommerzialisiert.
Das ist aber nicht alles: spürbar ist auch das ehrliche Bemühen wenigstens an diesem einem Tag alle Zwistereien beizulegen, den Familienzusammenhalt zu leben, und durch Spenden und Gebete die Welt wissen zu lassen, dass wir Alle Kinder dieser Erde sind.
Dieses Ziel ist sicherlich eines Gottes würdig. Sofern vorhanden.