Die Lüge
Dies wird eine kleine Liebeserklärung an die Lüge.
Warum sage ich das? Will ich etwa provozieren?
Nicht doch. Nicht jede Provokation ist um ihrer selbst willen ästhetisch überzeugend, nur was wäre wenn niemand diese Risiken einginge?
Tatsächlich hat die Lüge einen denkbar schlechten Ruf: Lügner missbrauchen das Vertrauen ihrer Mitmenschen, sie düngen den Boden der von Unsicherheit geplagten Welt, in der man nie weiss, wer wen wann belügt.
Es gibt Lügen, die erfolgen routiniert, andere lügen sich chronisch ein besseres Leben zurecht.
Einige dienen dem sozialem Überleben, andere der eigenen Sicherheit, viel seltener dienen sie bewussten Schädigung.
Lüge bewegt sich im Spannungsfeld unvereinbarer Kräfte: zwischen Hinterlist und Anstand, Arglist und Respekt.
Lügen im Alltag, und jeder von uns lügt ab und zu, hat etwas mit Anstand und Rücksicht zu tun.
Wie grausam, wie schonungslos wäre das Leben in dem jeder jedem ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht schleudern würde.
Ein kleines Beispiel:
Sie: Schatz, habe ich zugenommen?
Er: Nein, und wenn schon, ich liebe jeden Pfund von dir!
Das sagt er aus Rücksicht, aus Liebe, weil er, wie fast jeder Mann die Auseinandersetzung scheut, aber auch weil er irgendwie ahnt, dass sie aus eben gleichen Gründen sagt, es störe sie gar nicht, dass seine Haare nicht auf dem Kopf, dafür aber umso üppiger auf dem Rücken wachsen.
So liebkosen wir uns jeden Tag mit kleinen Alltagslügen, ein wenig mogeln hier, ein wenig schummeln dort und das Leben wird erträglicher.
Besänftigende, menschenfreundliche, gutgemeinte Lüge.
Und doch, aus irgendeinem unerfindlichen Grund bevorzieht der Mensch die Wahrheit.
